Dienstag, 4. Oktober 2011

Kurdische Kultur zum Kennenlernen Leben, Sitten und Gebräuche

 Kurdische Kultur zum Kennenlernen
Leben, Sitten und Gebräuche


Faik Timur


Die einzigen Merkmale, die auf viele zutreffen, sind wahrscheinlich die Form der Nase, die von Bezik Nikitin als „Adlernase" bezeichnet wird, und die hohen Wangenknochen. Aber auch hier gibt es wieder viele Ausnahmen.
Obwohl Kurdistan eine Kolonie ist, die von vier Staaten besetzt wird, haben sich in seinem Inneren die eigenen kurdischen Gesellschaftsstrukturen erhalten. Die kurdische Gesellschaft ist in Stammesverbänden organisiert. Jeder Stamm hat seinen eigenen Namen, der entweder auf eine weise Person oder auf einen Helden des Stammes zurückzuführen ist. Neben dem gemeinsamen Stammesnamen hat jede Familie ihren eigenen Namen. Dieser Familienname ist entweder Name des Vaters oder der Mutter, je nachdem wer in der Familie als überlegener gilt. So ist bei „Cemila Celil" Celil der Name des Vaters von Cemila, während bei „Ker Kulilke Werde" Werde der Name der Mutter ist. Hat jemand eine wichtige soziale oder berufliche Position erreicht, so wird oft auch der Name der Stellung bzw. des Berufes als Familienname benutzt. Offiziell führen die KurdInnen in ihren Papieren zumeist türkische, arabische oder persische Familiennamen. Nur in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion können sie ihre kurdischen Familiennamen auch offiziell benutzen. Untereinander werden sie jedoch immer benutzt. In den Dörfern kennen sich die Dorfbewohner zumeist nur mit den kurdischen Familiennamen, die offiziellen sind häufig unbekannt.


Die einzelnen Stämme stehen durch Hochzeiten oder kirveti (Patenschaften) miteinander in Verbindung. Sie unterstützen manchmal gemeinsam einen Bewerber bei der Kandidatur um ein Amt und helfen sich bei Todesfällen, Hochzeiten und ähnlichen Feierlichkeiten. Oder einige Stämme verbünden sich, um zwei verfeindete Stämme zu versöhnen. Da die Stämme kein Vertrauen in die Institutionen der Besat-zungsmächte haben, regeln sie solche Angelegenheiten untereinander. Verliert z.B. ein Mitglied eines Stammes bei Auseinandersetzungen mit einem anderem Stamm sein Leben, so werden andere Stämme mäßigend eingreifen. Es wird ein Ausschuß einberufen, der sich aus den Führern der Stämme, den politischen Führern und anderen wichtigen Personen zusammensetzt. Dieser Ausschuß wird Verhandlungen mit den verfeindeten Stämmen führen und nach einer Lösung des Konfliktes suchen. Wenn der Streit beigelegt ist, wird dies mit einem Festmahl gefeiert, an dem die Mitglieder der zuvor verfeindeten Stämme, die Mitglieder der Stämme, die an der Versöhnung beteiligt waren, die Vermittler und die Mitglieder des Ausschusses teilnehmen. Das Ziel solcher Verhandlungen ist es, weiteres Blutvergießen zu vermei-den. Auch stellt man durch die Heirat von Angehörigen verfeindeter Stämme künstliche Verwandtschaften her, ähnlich der Heiratspolitik der europäischen Königs- und Fürstenhäuser, um vorab blutige Auseinandersetzungen zu verhindern. Die Besatzungsmächte Kurdistans hatten und haben ein Interesse an den Auseinandersetzungen der Stämme und schüren sie häufig, so daß die Fehden zwischen den Stämmen oft länger dauern und viel blutiger verlaufen, als dies ohne Einmischung der Fall wäre.  
 
Zu einem einzigen Stamm können mehrere tausend Familien gehören, die jedoch nicht gemeinsam auf einem Terrain leben. Sie leben in Dorfgemeinschaften, wobei auch Familien aus zwei oder auch mehreren Stämmen gemeinsam in einem Dorf leben. Manche Dörfer sind so kosmopolitisch, daß aus vielen verschiedenen Stämmen ein oder zwei Familien dort leben. In diesen Dörfern geht es demokratischer zu als in anderen.
Jedes Dorf hat einen eigenen Anger, auf den alle Dorfbewohner den gleichen Anspruch haben. und ihre Tiere dort weiden lassen können. Darüber hinaus gibt es in manchen Dörfern einen Zozanplatz. Abgesehen davon sind die Besitzverhältnisse sehr unterschiedlich, und auch wenn in den letzten Jahrzehnten der Großgrundbesitz abgenommen hat, so gibt es doch noch Dörfer, deren gesamter Boden sich in der Hand eines Großgrundbesitzers befindet. Diese Großgrundbesitzer sind oftmals erbarmungslos und brutal und halten die Bauern nicht nur in finanzieller Abhängigkeit. Die Dorfbewohner nennen diese Sorte Aga „Xunmij", was Blutsauger bedeutet.


Innerhalb der Kleinfamilie ist der Vater das Oberhaupt, nach dessen Tod die Mutter diese Rolle ein-nimmt. Innerhalb der kurdischen Gesellschaft gibt es eine strenge Arbeitsteilung. Die im Haus anfallen-den Arbeiten sind die Aufgabe der Frau. Die Feldarbeit, Viehzucht und das Hüten der Tiere hingegen ist Aufgabe des Mannes. Auch während des Zozan, d.h. wenn die Kurden zu ihren Zeltplätzen auf die Hoch-ebenen ziehen, weil es in den Sommermonaten in den Tälern zu heiß und trocken ist, ist die Arbeitsteilung geregelt. Die Frauen erledigen alle Arbeiten, die mit dem Zozan zusammenhängen, wie die Herstellung von Butter, Joghurt, Käse usw., während die Männer die Saat und Feldarbeit bestellen. Gemäß ihrem Alter werden auch die Kinder an verschiedene Aufgaben herangeführt, da jede Arbeitskraft benötigt wird. Die Hierarchie innerhalb der Familie ist geschlechts- und altersabhängig. Die Jüngeren schulden den Älteren Respekt, und die Älteren erwarten Gehorsam von den Jüngeren.

Die strikte Einhaltung von gesellschaftlichen Normen und Traditionen hat bewirkt, daß das kurdische Volk seine gemeinsame Identität in allen Teilen Kurdistans bewahren konnte. Besuch ist von der innerfa-miliären Hierarchie ausgenommen. Ein kurdisches Sprichwort lautet „mevan mevane Xude ye" - „Besuch ist Gottes Besuch". Es gibt strenge Regeln für die Gastgeber. Während der Besuch ißt und trinkt, müssen sie mit ihm zusammen essen. Sie dürfen auch nicht von der Tafel aufstehen, bis er sein Mahl beendet hat. Würde der Gastgeber aufstehen, so würde dies bedeuten, daß der Besuch unerwünscht ist. Selbst wenn die Gäste gesättigt sind, wird man sie immer wieder auffordern, weiter zu essen und zu trinken. Dies geht so weit, daß Personen, die diese Rituale nicht kennen, beispielsweise europäische Gäste, sich bedrängt und erdrückt fühlen können ob dieser überschwenglichen Gastfreundschaft.

Braut oder Bräutigam für Kinder im heiratsfähigen Alter werden von den Eltern ausgesucht. Mit weni-gen Ausnahmen werden die Betroffenen nach ihrem Einverständnis gefragt. Mit einem vorgeschobenen Besuchsgrund wird der junge Mann mit einem Elternteil oder Verwandten die Familie des Mädchens be-suchen. Diese kennt den eigentlichen Grund des Besuches schon vorher, denn in Kurdistan ist es anson-sten nicht nötig, seinen Besuch anzumelden. Nur aus diesem Anlaß wird die Familie des Mädchens ge-fragt, ob man sie besuchen dürfe. Wenn die Familie des Mädchen die Heirat befürwortet, wird sie mit einem Besuch einverstanden sein, ansonsten wird sie zwei-, dreimal ablehnen. Stammen der Junge und das Mädchen aus dem gleichen Dorf, wird zuvor kein Besuch stattfinden, sondern es wird direkt um eine Einladung gebeten, bei der man um die Hand der Tochter anhalten will. Auch hierbei wird die Familie des Mädchens unter verschiedenen Einwänden ablehnen, wenn sie nicht mit der Heirat einverstanden ist. Selbstverständlich wird sie die Familie des Jungen nicht vor den Kopf stoßen, sondern sagen: „Unsere Tochter ist noch zu jung", „ihre Mutter schafft den Haushalt nicht ohne sie" oder dergleichen. Die andere Seite weiß dann, was eigentlich gemeint ist und wird sich zurückziehen. Aber durch die taktvollen Ausre-den ist es möglich, das nachbarschaftliche Verhältnis der Familien nicht zu zerstören. Manchmal passiert es jedoch auch, wenn es zu keiner Einigung kommt, daß der Junge das Mädchen entführt, um eine Ein-willigung zu erzwingen. Zum einem gibt es einseitige Entführungen, bei denen der Junge das Mädchen ohne seine Einwilligung entführt, zum anderem passieren diese Entführungen mit Zustimmung und Einwil-ligung des Mädchens, was eher als ein gemeinsames Durchbrennen bezeichnet werden kann. Normaler-weise wird das zukünftige Brautpaar nach dem Besuch nach seinem Einverständnis gefragt. Sollte es noch Vorbehalte oder Unstimmigkeiten geben, werden die Eltern diese durch Überzeugen und Überreden auszuräumen. Nachdem dies geschehen ist, wird die Familie des Bräutigams einen Ausschuß einberufen, wobei man darauf achtet, daß dem Personen angehören, die Einfluß auf die Familie des Mädchens haben. Dieser Ausschuß „Xazgigi" berät die Höhe des Brautpreises, der Mitgift und Aussteuer und wer was zu sagen hat. Nachdem diese Beratungen „Misewre abgeschlossen sind, geht der „Xazgin" zur Familie des Mädchen. Diese hat natürlich Beratungen durchgeführt und ist nicht unvorbereitet. Auf diesen Treffen wird nun über den Brautpreis, der aus Geld oder lebendigen Tieren bestehen kann, über die Mitgift und Aussteuer, die aus Geschenken, Geld, Gold, Teppichen, Kleidung, Waffen und anderem bestehen kann, verhandelt. Manchmal reicht ein einziges Treffen für die Verhandlungen aus, häufig finden aber mehrere Treffen statt. Schließlich geht es um die Zukunft des Paares. Nachdem die Verhandlungen abgeschlossen sind, setzen die Familien den Verlobungs- und Hochzeitstermin fest.

Bei der Hochzeit wird die Braut zum Hause des Mannes geführt. Dort wird ihr auf der Türschwelle ein Holzlöffel oder ein Porzellanteller, der zuvor aus dem Haus ihrer Eltern stibitzt wurde, vor die Füße gelegt. Diesen Haushaltsgegenstand zertretend betritt sie das Haus ihres Mannes. In einigen Gegenden soll dieser alte Brauch Glück bringen. Das neue Mitglied der Familie - die Braut - spricht ein Jahr lang oder auch bis zur Geburt des ersten Kindes nicht direkt mit ihren Schwiegereltern. Wenn sie etwas sagen möchte, wendet sie sich entweder an eine Schwägerin oder an einen jüngeren Schwager. Die Schwiegermutter, Schwiegervater und Schwäger richten das Wort direkt an die junge Frau. In den ersten Monaten wird der jungen Frau keine Arbeit direkt gezeigt oder zugewiesen. Sie geht den anderen Familienmitgliedern zur Hand. Erst später regelt es sich, daß sie bestimmte Arbeiten automatisch ganz übernimmt. So wird sie durch Zuschauen in die Arbeitsteilung der Familie integriert. In den Städten haben diese starren Traditionen sich schon gelockert. Dort reden Schwiegermutter und Schwiegertochter oft schon vor der Hochzeit miteinander und ihr Verhältnis ändert sich auch nach der Hochzeit nicht. Obwohl die kurdische Frau ausgebeutet und unterdrückt wird, entscheiden die Frauen mit ihren Männern gemeinsam, was nach außen jedoch als Entscheidung der Männer dargestellt wird.

Obwohl das kurdische Volk überwiegend dem Islam angehört, hat dieser nie einen allumfassenden Einfluß erhalten. Viele Traditionen aus der Zeit der wesentlich älteren Zerduschi-Religion sind bis heute erhalten geblieben, wie der gemeinsame Tanz von Männern und Frauen. Auch heute noch werden diese Kreistänze, die den religiösen Ritualen der Zerduschi-Religion entstammen, bei Festen getanzt. Ebenso hat sich die Verschleierung der kurdischen Frau nie ganz durchgesetzt. Zwar tragen die Frauen Kopftü-cher, jedoch nicht so, daß kein Haar zu sehen ist, wie es der Islam vorschreibt. Natürlich kann und darf man die Stellung der kurdischen Frau nicht mit der der europäischen Frau vergleichen. Vergleicht man sie aber mit der anderer islamischer Gesellschaften, stellt man fest, daß es trotz Unterdrückung durch patriarchalische und hierarchische Strukturen spezifische Eigenarten gibt.
Das starre Festhalten an Traditionen ist auch als eine Art Abwehrmechanismus gegenüber der Fremdherrschaft zu verstehen: Als Versuch, die eigene Identität zu bewahren. Wie die befreiten Gebiete in Südkurdistan zeigen, hätte das kurdische Volk seine Kultur in Eigeninitiative entwickeln können, wenn es einen eigenen Staat gehabt hätte. Denn trotz ständiger Bedrohung richtete es in den befreiten Gebie-ten sofort verschiedene Betreuungs- und Bildungsangebote ein.

Dies ist ein Ausschnitt der Lebensbedingungen, unter denen die überwiegende Mehrheit der KurdInnen lebt. Dabei gibt es natürlich eine Reihe von Ausnahmen und Veränderungen. So hat sich die Stellung der Stammesführer erheblich verändert. Während sie früher automatisch ehrfurchtsvoll und respektvoll behandelt wurden, so müssen sie sich heutzutage den Respekt der Menschen erst durch ihr eigenes Verhalten verdienen. Und auch in den Städten hat es viele Veränderungen gegeben. In den letzen Jahrzehnten haben die revolutionären und demokratischen Kräfte Kurdistans einen positiven Einfluß auf das gesellschaftliche Leben ausgeübt, indem sie versuchen, die feudalistischen Strukturen zu verändern, ohne dabei ihre kurdische Identität aufzugeben.


Kurdistan heute Nr. 21/22, September/Oktober 1997

Montag, 15. August 2011

Die Revolte von Scheich Said 1925 (von Ferdinand Hennerbichler)


Aufstände gegen das Regime Atatürks
 Das Kalifat wurde in der Türkei am 3. März 1924 offiziell abgeschafft. Am selben Tag brach die republikanische Türkei auch für alle Zukunft mit der Minderheit der Kurden im Land. Ein Dekret wurde verabschiedet, das alle kurdischen Schulen, Vereinigungen und Publikationen verbot. Die kurdische Sprache wurde für illegal erklärt. Kurdische Nationalkleider wurden verboten Den Kurden wurde ihre nationale Identität genommen. Sie durften künftig nur noch "Bergtürken" nennen.
Die Kurden erhoben sich dagegen 1925 bis 1939 in einer Serie von Revolten Zum Teil waren Aufstände dabei von türkischen Truppen provoziert worden, um einen Vorwand in die Hand zu bekommen, Rebellionen der Kurden niederwerfen zu können. Berühmt wurde zunächst 1925 die Erhebung von Scheich Said. Wenige Monate später brach eine Revolte unter den Stämmen von Batman und Reskoyan zwischen Diyarbakir und Siirt aus. Sie erfasste 1926 und 1927 auch die Gebiete von Hakkari, Semdinli, Gewas, Cizre, Sason. 1928 standen auch die Bewohner von Kozluk und Perwari auf und verlangten das Ende der Unterdrückung der Kurden in der Türkei. 1928 bis 1932 wurde die Region um den biblischen Berg Ararat zum Zentrum einer großen Widerstandsbewegung. 1936 bis 1939 rebellierten schließlich die Bewohner von Dêrsim und wurden grausem niedergeworfen.

Die Revolte von Scheich Said 1925

Die Kurden hatten Ende 1922 in Erzurum ein KOmitee für die "Unabhängigkeit" der Kurden in der Türkei gegründet. Ihm gehörten kurdische Abgeordnete wie Yusuf Ziya, Offiziere wie Halid Bey aus Cebran, Intellektuelle, Künstler und Geschäftsleute an. Auch hochrangige kurdische Militärs wie Ihsan Nuri Pascha, die bisher Ankara gedient hatte, schlossen sich der Unabhängigkeitsbewegung an. 1923 bis 1924 plante das Komitee eine nationale Erhebung der Kurden. Es nahm Kontakte mit Stammesführern, religiösen Persönlichkeiten und auch mit kurdischen Emigranten in Istanbul und Aleppo auf, ebenso mit türkischen Gegnern der Kemalisten. 1924 flog die geplante Revolte jedoch auf. Um Bitlis brach plötzlich eine Revolte aus. Die türkische Regierung nahm sie zum Anlass gegen die Aufständischen vorzugehen und ihre Erhebung zu zerschlagen. Im Oktober 1924 wurden Führer des Aufstandes wie Yusuf Ziyxa und Hauptmann Halid Bey in Bitlis vor ein Kriegsgericht gestellt. Zu dieser Zeit übernahm Scheich Said von Piran die Revolte. Scheich Said begann, die Gebiete um Elazig, Diyarbakir, Genc und Darahini zu bereisen und rief die Kurden auf, sich gegen Ankara zu erheben. Die türkische Regierung bekam davon Wind und bemühte sich, eine vorzeitige Revolte der Kurden zu provozieren, um sie mit aller Wucht weitgehend unvorbereitet niederwerfen zu können. Die türkische Armee schickte in der Tat auch einen Stoßtrupp in das Dorf Piran mit dem Befehl, Scheich Said und seine Anhänger zu verhaften. Aufgebrachte Dorfbewohner ermordeten jedoch die türkische Einsatztruppe in Piran. Damit wurde vorzeitig eine Großrebellion ausgelöst. Scheich Said versuchte zwar noch, das Steuer herumzureißen und zog Richtung Norden, bevor er aber noch in Darahini eintraf, hatten die Kurden der Stadt bereits vom Scharmützel in Piran erfahren und nahmen alle türkischen Soldaten von Darahini gefangen. Ab diesem Zeitpunkt nahmen die Kampfereignisse ihren Lauf. Scheich Said wurde geradezu in einen Aufstand gedrängt. Am 25. Februar 1925 wurde der Scheich zum "obersten Führer der Kämpfer" ausgerufen. Die rebellierenden Kurden beschlossen auch ein "Gesetz", mit dem die Stadt Darahini zur provisorischen Hauptstadt Kurdistans erklärt wurde. Die Peschmergas des Scheichs eroberten am 26. Februar 1925 die strategisch wichtige Stadt Elazig, das kurdische Kharput, und entwaffneten die gesamte Garnison. Wenig später belagerten die Kurden auch Diyarbakir, eroberten Gebiete nördlich des Wan-Sees bis zum Ararat und nahmen Bitlis. Bevor sie in Bitlis einmarschierten, hatten die türkischen Behörden der Stadt alle Kurdenführer im Lokalgefängnis hinrichten lassen, unter ihnen Yusuf Ziya und Halid Bey.
Ankara trat daraufhin zum Gegenangriff gegen die Aufständischen an und verlegte rund 80.000 Mann nach Kurdistan. Frankreich half der türkischen Armee und ließ sie die koloniale Eisenbahn um Aleppo und den Norden Syriens benutzen, um die Kurden nachdrücklicher bekämpfen zu können. Die türkische Armee kesselte Scheich Said und dessen Truppen schließlich in Diyarbakir ein. Daraufhin brach die Revolte des Scheichs Mitte April 1925 zusammen. Ankara nahm blutige Rache. Scheich Said wurde am 4. September 1925 zusammen mit 52 Mitkämpfern in Diyarbakir gehängt. Bis in den Herbst 1925 wurden auch in ganz Kurdistan Aufständische ermordet und zum Teil meuchlings erschlagen, um den Kurden eine blutige Lektion zu erteilen, an die sie sich erinnern sollten, wie Propagandisten der türkischen Armee damals erklärten
Die Erhebung von Scheich Said war eine nationale Revolution der Kurden in der Türkei. Um Massen zu mobilisieren, hatte der Scheich aber in erster Linie  an religiöse Ziele des Islam der Vergangenheit appelliert. Scheich Said kämpfte dabei für die Wiedererrichtung des Kalifats, um den Kurden zu nationalen Rechten zu verhelfen, und nahm es dafür entschieden mit den türkischen Republikanern auf. Das hatte historische Gründe. Zum einen spekulierte Scheich Said, religiöse Traditionen wären in der Türkei noch stärker als die damals moderne Infrastruktur der türkischen Republikaner unter Kemal Atatürk. Said erhoffte daher von Kräften des Islam für die Kurden stärkere Impulse als von den Republikanern mit umstrittener Zukunft. Zum anderen stand für die Kurdenführer wie Scheich Said Mitte der zwanziger Jahre bereits fest, dass die Kurden unter dem Kalifat im Namen des Islam zumindest einige Minderheitsrechte zugestanden bekommen hatten, während die Republikaner seit 1924 darangegangen waren, den Kurden ihre nationale Identität zu nehmen und ihnen verboten hatten, sich auch nur Kurden zu nennen. Die alte Problemlösung schien Said und seinen Anhängern daher noch allemal besser als alles, was sie von den Kemalisten an nationaler Zukunft zu erwarten hatten. Aus der Sicht der damaligen Zeit schien für die Kurden daher die Vergangenheit unter der Schirmherrschaft des Islam besser gewesen zu sein als eine Zukunft unter den Republikanern, die sie zu assimilieren drohten. Scheich Said mobilisierte deshalb religiöse Sentiments im Namen des Islam und warnte vor der Gefahr, die der Staat Atatürks für die Kurden haben würde. Er tat dies aber nicht, weil er so rückständig gewesen wäre, sondern weil er sich mit Kräften des Islam gegen eine Zukuft unter Republikanern verbünden wollte, die Unheil für die Kurden gebracht hatten Generell war seine Revolte jedoch eine nationale Bewegung, die den Kurden in der Türkei Minerheitenrechte brignen sollte.
Franzosen und Briten haben in diesem Aufstand nicht unwesentlich mitgemischt. Die Franzosen erlaubten den Türken, die Eisenbahn in Nordsyrien zu benutzen, um die Kurden in Diyarbakir umzingeln zu können. Die Briten hatten zahlreiche Agenten in Kurdistan. Diese sollten dazu beitragen, dass die Kurden als Faktor der Instabilität in der Region niedergeworfen würden und keine Gefahr mehr für den in Lausanne ausgehandelten neuen Status quo im Nahen Osten darstellen könnten. Franzosen und Briten waren auch bestrebt, die Sowjets daran zu hiindern, in die Revolte einzugreifen und den Kurden zu Hilfe zu kommen.
Der Niederschlagung des Aufstandes von 1925 folgte eine rigorose Unterdrückungswelle der Türken gegen die Kurden. Die Armee wurde zu Säuberungswelle beordert. Diese zogen sich bis 1928 hin. Ihr fielen auch annähernd eine Million Menschen zum Opfer, die aus Kurdistan deportiert wurden. Zehntausende starben dabei an Unterernährung und Krankheiten auf dem Weg in das aufgezwungene interne Exil. Weittragende Folgen hatte auch ein neues Gesetz, das nach 1925 der Polizei praktisch uneingeschränkte Vollmacht gab, gegen "Organisationen, Bewegungen und Publikationen" vorzugehen, die "geeignet" schienen, "Sicherheit, Frieden und soziale Ordnung des Landes zu stören und der Reaktion und der Revolte zu dienen". Ankara benutzte dieses Gesetz, um gegen die Opposition in der Türkei
generell zuzuschlagen. Bis heute wurden aber vor allem Kurden Opfer dieser Bestimmungen.

Quelle: Die für die Freiheit sterben. Geschichte des kurdischen Volkes, Ferdinand Hennerbichler, 1988

Montag, 8. August 2011

Die Kurden in Khorasan



Baran Ruciyar
Die Kurden in Khorasan
Die kurdische Koexistenz in Nord-Khorasan umfasst mehr als 1.5 Mio. Menschen. Nord-Khorasan ist das Nadelöhr der bewegten Geschichte der Völker Innerasiens und des Vorderen Orients. Sowohl in der islamischen Geschichte, als auch in der iranischen bzw. zarathustrischen Mythologie wird Khorasan, Land der aufgehenden Sonne, einen besonderen Stellenwert zugesprochen. Östlich begrenzt vom dem gewaltigen Elbruz-Gebirge, das sich bis zum Kaspischen Meer hinzieht, und den Weg Richtung Persien und Gilan versperrt. Den südlichen Pfeiler bildet die unpassierbare Schlammwüste Dashta-Kawir, und der einzige Weg an ihr vorbei führt durch die Wüste Lut. Alle Eroberer der Antike; sowohl Griechen als auch arabischen Islamisierungszüge und auch Mongolen – mussten entlang des schmalen Saumes zwischen Gebirge und Wüste ziehen, um Khorosan und die östlich liegenden Gebiete zu erreichen.
In diesem Teil Irans leben seit Jahrhunderten Kurden, welche von den Erstbesatzern Kurdistans dahin umgesiedelt wurden. In europäischen und orientalischen Geschichtswerken und Reiseberichten finden sich Hinweise auf die Kurden Khorasans. Nach Gonzales de Calvio soll es schon um 1404 Kurden im Gebiet Khorasans gegeben haben. Er beobachtete in der Nähe von Zabrain 400 schwarze Zelte, in welchen ein Kurdenstamme lebte, welche Tausende von Kilometern vom ihrer Stammland im Grenzbereich des heutigen Länderdreiecks Iran - Türkei – Irak entfernt, spätestens seit Shah Ismail I. zu Beginn des 16. Jahrhunderts, nach in das 1.500 bis 2.000 km entfernte Grenzgebiet nördlich von Mashhad nahe der turkmenischen Steppe verlagert wurden.
Dem niederländischen Soziologen Martin van Bruinessen nach handelt es sich bei den Kurden in Khorasan um Çemîşgezek-Kurden, mit ihren speziellen Traditionen, Religion, Sprache und Lebensart, welche einst in heutigen Dêrsim und Erzirum beheimatet waren. Ebenso muss die Şadlu(Şadiyan)-Stammeskonföderation der Kaukasienkurden genannt werden. Ihr Hauptsiedlungsgebiet war einst, das Rote Kurdistan im heutigen Berg-Karabach. Nachfahren von jene Kurden, die auch die erste kurdischen Dynastie „Şeddadî“ im 10. Jahrhundert gründeten. Die Stämme der Şadlu Konföderation werden in der Geschichte auch als „die 24iger“ erwähnt. Wahrscheinlich weil 24 Stämmen auf einmal auswandern mussten.
Shah Ismail I (1502-1524) hat den nach langen Kriegen zersplitterten Iran im Zeichen des schiitischen Islams geeinigt und den schiitischen Glauben als Staatsreligion proklamiert. Das Neugegründete Reich übernimmt neben den alten sassanidischen Traditionen auch die von Feinde im Osten und Westen. Von Zentralasien führen Usbeken und Mongolen immer wieder Raubzüge nach Ostiran (Khorasan), was Shah dazu bringt die Kurdischen Stämme in diesem Gebiet gegen die „Tyrannen“ einzusetzen. 1522–23 versetzte Shah Ismail 4 000 Çemişgezek-Kurden aus Erzirum sowie dieQaramanlu und die Sirukanlu aus dem südlichen Gebiet des Van-Sees unter der Führung von Dairan Bag Qaramanlu als Front gegen die Usbeken in den Khorasan. Aber auch viele der Kurdenstämme aus dem Gebiet Irak und Aserbaidschan wurden nach Khorasan umgesiedelt. Durch die erneute Besetzung von weiten Teilen von Transkaukasien, iranisch Kurdistan sowie weite Teile Aserbaidschans im Jahr 1585 wurde der Lebensraum der pro-iranischen Kurden eingeengt. Sie wurden ins Landesinnere abgetrieben. Shah Abbas stellte fruchtbares Gebiet in Varamin in der Nähe von Teheran zur Verfügung.
Während dessen steht im Westen das Osmanische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Immer wieder greifen die sunnitischen Osmanen den Iran vom Westen her an, während die iranischen Truppen im Osten in Kämpfe verwickelt sind. Es ist der Beginn eines langen und blutigen Krieges zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Osmanischen Reich, das bis zur Regentschaft Schah Abbas I (1587-1629) des Grossen andauerte - und im Folge dessen die Kurden immer wieder ungewollt in politische und religiöse Auseinandersetzungen hineingezogen werden. Mit furchtbare Folgen für das kurdische Volk. Die dem Schiitentum zugeneigten Kurden wurden durch die osmanische Besetzung der aserbaidschanischen Gebiete und des heutigen Nordkurdistans von den sunnitischen Osmanen verfolgt und in den iranischen Raum abgedrängt.
Unter Shah Abbas wurden noch mal 1601 ca. 30 000 Familien nach Khorasan umgesiedelt. Ohne die Kurden Khorasans wären die großen militärischen Erfolge von Nadir Shah unvorstellbar. Durch den Einsatz der kriegerischen Kurdenstämme gegen die Mongolen wird die Armee des Shahs von größeren Einsätzen im Osten von einer größeren Last befreit. Als Gegenleistung hatte Shah Abbas die im Khorasan ansässigen Kurden wegen ihrer Treue zum ihm bis auf weiteres von Abgaben befreit und gab ihnen hohe Positionen und Posten.
Zeitgeschichte schrieb Nadir Shah, als er 1738 das moghulische Indien überfiel und berühmte Schätze wie den Pfauenthron in persischen Besitz brachte. Wegen maßlosen Steuerforderungen rebellierten 1747 die Kurden Khorasans. Nadir Shah wurde bei einer Belagerung durch ranghöchste Afscharen und Kadjaren ermordet. 1796 übernahm die Kadjaren-Dynastie die Herrschaft über Persien. Der Stammesführer der Çemîşgezek-Kurden legte sich bald mit Fath Ali Shah an. Dieser musste 15 000 Soldaten samt Artillerie und englischen Militärberatern aufbieten, um 8000 kurdische Khorasan- Krieger in Schach zu halten.
In den folgenden hundert Jahren stand die Region unter keinem guten Stern. Zwischen 1825 bis 1828 litt die kurdische Bevölkerung stark unter turkmenischen Raubüberfällen. 1868 und 1892 wütete die Cholera. 1871/72 traf eine Hungersnotdiese Provinz. 1880 wurde die russische Grenze geschlossen. Die besten der traditionellen Winterweiden lagen jenseits der noch heute gültigen und im Jahr 1888 festgelegten Grenze.
Spätestens mit der russischen Revolution mussten einige Nomadenstämme neue Winterweiden suchen. Bis 1900 haben die Khorasan-Kurden ihren Bevölkerungsstand mit Mühe auf dem Niveau gehalten, das sie 300 oder 400 Jahre zuvor zur Zeit ihrer Einwanderung aufwiesen. 1926 bestimmten in den Ländern Türkei, Iran und Afghanistan die führenden Persönlichkeiten Kemal Pascha (Atatürk), Reza Shah und Amanullah als eifrige «Europäisierer» die Geschicke ihrer Länder. 1936 erzwang Reza Shah die Nomaden Nord-Khorasans zur Sesshaftigkeit. Er ließ zuerst die Khane und ihre Stämme entwaffnen und in einem zweiten Schritt wurde die Stammesaristokratie eliminiert und das Nomadentum als anachronistischer Schandfleck gebrandmarkt. Den Kurden zerstörte man die Zelte, um sie so zu zwingen, sesshaft zu werden. Nach dem 2. Weltkrieg wechselte jedoch die Situation, als Schah Reza von den Engländern und den Russen entmachtet und durch seinen Sohn Mohammed Reza (1941–1979) ersetzt wurde. Als die Zentralregierung geschwächt war, nutzten die Kurden Khorasans wie auch andere Stämme die Gelegenheit, ihre traditionelle Lebensweise wieder aufzunehmen, welche sie in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts durch Schah Reza aufzugeben gezwungen waren.
Noch 1979 zählte Papoli-Yazdi 16 Nomadenstämme. Die wichtigsten unter ihnen:
Topkanlu 83 Lager
Bravanlu 60 Lager
Qaramanlu 44 Lager
Varanlu 35 Lager
Bajkanlu 31 Lager
Malvanlu 28 Lager
Radkanlu 20 Lager
Heute leben vermutlich mehr als 2 Mio. Kurden in Khorasan. Auch sie sind dem gleichen Schicksal wie ihre Volksleute in Kurdistan ausgesetzt. Persien ist nicht daran interessiert, die kurdische Kultur in Khorosan am Leben zu erhalten, im Gegensatz wird versucht die Kurden dort schnellstmöglich zu assimilieren und ihre Kultur zu vernichten, sie zu entwurzeln.
Siedlungsgebiete
Der äußerste Nordosten des Irans, der Khorasangraben mit seinen Randgebieten, ist das heutige Siedlungsgebiet der Kurden Khorasans. Im Norden wird das Gebiet durch die ca. 600 km lange Grenze zu Turkmenistan abgegrenzt; im Nordwesten bis zum Grenzübertritt des Flusses Atrek nach Turkmenistan in der Nähe von Hot Tan. Im Osten bildet die Linie Nishabur–Mesched die Grenze des Siedlungsgebietes. Die Fläche liegt etwa bei 60 000 km2. Das Gebirge verläuft in Richtung Nordwest nach Südost. Die höchsten Gebirgszüge nördlich des Atrek sind der Kopet Dag (2940 m), der Allahu Akbar (2620 m) und der Hezar Masjed (3200 m), südlich des Atrek der Allah Dagh (2800 m) sowie, als höchster von allen, der Binalud (3410 m). In dieser Gebirgswelt liegen in einer Höhe von 1800 –2500 m die Sommerweiden der Nomaden. Die Senken, die meisten im Bereich der Turkmenischen Grenze, werden als Winterquartiere genutzt. Die Städte in denen die Kurden, die Mehrheit darstellen sind: Kelat, Nişabur, Çinaran, Deregez, Aşxane, Qoçan, Şîrvan, Bojnurd auch in Maschhad, Sebzivar und Esferayn sind beträchtlich kurdische Minderheiten beheimatet.
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Wohnsitz von Yar Mohammad Xan Schadlou (derzeit Krankenhaus der Stadt Bojnourd)
Die soziale Ordnung der Kurden Khorasans
Die Stammeskonföderation ist die höchste Instanz. An deren Spitze steht der Ilkhan (tr: Stadtfürst). Die bekanntesten Stammeskonföderationen sind die Zafaranlu (Çemîşgezek) und die Shadlu (Şadiyan). Die Ilkhane hatten ein ständiges Reiterheer von rund 1000 Mann. Dieses stehende Heer verlieh ihnen Macht, oft auch in der Geschichte gegen die iranische Zentralregierung.
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Yar Mohammad Khan Schadlou, Ilkhan von Bojnourd, Foto von C. E. Yate, 1894.
Bojnurd (Neynikxane) in dem sie heute noch die Mehrheit darstellen, ist eine Stadt, die von dem Şadîyan (Şadlu) Stamm gegründet, und lange von dem Stamm verwaltet wurde. Sie wurde durch so genannte Ilkhani von den Kurden verwaltet - eine Dynastie, die 1925 mit der Hinrichtung von Serdar Azîzûllah Xan Şadîlu durch die persische Zentralmacht, sein Ende fand.
Kurdische Stämme in Khorosan
Zafranlu (Çemîşgezek) Konföderation
(Die Çemîşgezekstämme leben in der Region zwischen dem Iran und Turkmenistan. (sunnitisch mehrheitlich aber es gibt auch Aleviten und Schiiten.)
Omerlu (Omerî) (ein sehr großer Stamm)
Amiran
Bakran
Bachvan
Badelan
Berivan oder Brikan (es ist möglich, sie mit dem Stamm Brukan in Verbindung zu bringen, sprechen Leki und sind Yarsan.)
Buruka´î (sind mit dem in Ostkurdistan beheimatete Brukanstamm verwandt und sprechen Soranî. Sie sind Sunniten)
Gawliyan (ein sehr großer Stamm, Sunniten.)
Îzolî
Hadhaban
Hevadan (sprechen Kurmanci und sind Yeziden)
Îzan
Celalî
Keykan
Kowa
Kuxban
Mîlan
Muzdixan
Paluvan
Feylî (Leki Sprecher, schiitisch)
Palukan
Qarakochlu (Kurmanci, Sunnitische und Schiitisch)
Qaraman (Kurmanci, Sunniten und Schiiten)
Qachkan
Rewanşir (Kurmanci, Sunnitisch und Schiitisch)
Rutakan
Şeran
Şêxan
Şamlu (Kurmanci, Sunnitisch und Schiitisch)
Silseporan
Sivekan (oder Siwereg, Sprechen Kirmancki und sind Aleviten)
Sufiyan
Topkan (ein sehr großer Stamm, sprechen Kurmanci und sind Schiiten und Sunni)
Veran
Zadyan
Şadlu (Şadîyan) Konföderation
(Dieser Konföderation lebt in Südwest-Khorasan.)
Alan
Bughan
Dirqan
Garivan
Gurdan
Inran
Caban (Möglich das es sich um Caff handeln kann (Kurmanci, sunnitisch und schiitisch)
Juyan
Kaghan
Mitran
Qilichan (Kilicli auch in Pazarcik lebend)
Qarabaşlu
Qupran (sunnitisch und schiitisch)
Konföderationslose Stämme
Lek (sprechen Leki und sind Yarsan)
Qarakoclu
Zand (sprechen Kelhuri und sind Yarsan)
Sprache
In Khorasan werden drei Dialekte des Kurdischem gesprochen, nämlich: Kurmancî, was auch am meisten unter den Khorasanî – Kurden verbreitet ist. Das Kurmancî aus Khorasan kennt keine Unterteilungen, regionale Eigenheiten sind gering und höchstens durch den Einfluss benachbarter Sprachen verursacht, welche die Kurden jeweils als Zweitsprache beherrschen.
So ist die Sprache der Kurden nördlich von Bojnourd und Qochan türkisiert. Das geht soweit, dass die Kurden in Bojnurd und Qochan fast nur Türkisch sprechen. Bei fast allen Kurdenstämmen Khorasans enden die Stammesnamen mit dem Suffix "lu", was in der türkischen Sprache ein Verwandtschaftsverhältnis angibt. Der südliche Raum, wie Esfarayen, Nischabur und zwischen Qochan und Maschhad ist stark vom ländlichen Persisch (Farsi) beeinflusst. Weiter nördlich an der Grenze zwischen dem Iran und Turkmenistan wird auch das Soranî von einigen Stämmen gesprochen - der nordöstlich von Maschhad beheimateter Stamm der Lek spricht dagegen Lekî.
Der regionale Radiosender von Nordkhorasan sendet am Tag eine Stunde in kurdischer Sprache, mit jenem Dialekt, der durch Jahrhunderte langer Assimilationspolitik der Perser zu 40% aus Persisch besteht.
Religion
Der überwiegende Teil der Kurden in ihrem Stammland, dem heutigen Länderdreieck Iran - Irak - Türkei, ist sunnitisch. Ganz anderes verhält es sich mit den Kurden Khorasans: Sie sind mehrheitlich Schiiten. Es gibt keine konkreten geschichtlichen Hinweise, aber indirekte Anspielungen, die vermuten lassen, dass der überwiegende Teil der nach Khorasan abgewanderten Kurden bereits im 16. Jh. schiitisch gewesen ist. Der Shiitismus in Khorosan weicht sehr von üblichem Schiitismus ab, auch die Praktizierung der Alevismus in Khorasan hat eine andere Form angenommen, der ebenfalls stark vom Alevismus in Kurdistan abweicht.
Die dem Schiismus und Alevismus zuneigenden Kurden in Kurdistan sind zuerst von den sunnitischen Aqqoyunlu (eine Konföderation kurdischer und turkmenischer Stämmen) und später von den Osmanen verfolgt und in den iranischen Raum abgedrängt worden.
Izady nach ist die religiöse Komposition der Khorasan Kurden, folgendermaßen:
17% Sunniten, 68% Schiiten, 4% Aleviten, 2% Yarsan, 1% Yeziden.
Quellen: Shoresh Reshî: Horosan kimin yurdu? in: Özgür Politika 28.06.2004. Mehmet Bayrak: Alevilik ve Kürtler 1994. Faik Bulut: Horosan Kimin Yurdu 1996 Prof. Dr. M. R. Izady: The Kurds, 1992. Martin van Bruinessen: Aga, Şeyh ve Devlet: Kürdistanin Sosyal ve Politik Örgütlenmesi 2003. Kordi, die Kurden Chorasans, in: torba 1/99.http://www.shadlou-kurden.com-/ (letzter Besuch: 06.06.07)
Die Kurden in Khorasan
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Mittwoch, 22. Juni 2011

Die kurdische Sprache

Die kurdische Sprache

Kurdisch wird heutzutage in Irak, Iran, Syrien, Türkei, Libanon, Armenien, Kirgisien, Kasachstan, Turkmenien und in vielen europäischen Ländern von ca. 35 – 40 Millionen Kurden gesprochen.

Die kurdische Sprache gehört zum west-iranischen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie. Einige Forscher meinen man sollte die Wurzeln der kurdischen Sprache in der
medischen Kultur suchen. So schrieb z.B. der Deutsche Eickstedt:

 “Ohne medische Sprache gäbe es heute kein Kurdisches Volk.”


Joh. Dav. Michaelis schrieb  ebenso dass Kurden von Meder abstammen und schrieb:

“Die Kurden gehören zu dem großen medisch-persischen Völkerstamm; und wenn sie Abkömmlinge der alten Chaldäer sind, die ehemals auf diesen Gebirgen wohnten, so waren auch diese ein mit den Persern und Medern verwandtes, von Assyriern, Syrern und Babyloniern aber, in Sprache und Abkunft ganz verschiedenes Volk.”

Ferdinand Justi, der sein Buch (Kurdische Grammatik) 1880 in St. Petersburg veröffentlicht hatte, spricht mit Begeisterung über die kurdische Sprache und die Kurden und schreibt in der Vorrede des Buches:

“Die kurdische Sprache wird von einem Volke gesprochen, aus welchem Herrscher wie Saladin und Nadirschah entsprungen sind, und dessen ausgezeichnete Begabung und ritterlicher Sinn von den europäischen Reisenden, welche nicht bloß durch sein Gebiet reisten, sondern sich die Mühe gaben, dasselbe längere Zeit zu beobachten, nicht genug gelobt werden kann.”

Prof. Syies:
“ Meder sind kurdische Stämme die mit dem assyrischen Land benachbart sind. Diese sind von der Sprache her indoeuropäisch und von der Herkunft her Arier.
                                             
Ebenso schrieben weitere andere Forscher sowie Prof. V. Minorsky, W.C.F. Wilson, irakischer Prof. Taha Baqr,Theodor Nöldeke, der legendere kurdische Führer Nuri Dersimi, C.S.A. Edmonds, armenischer Historiker Masay Xorinsky, Mehrdad Izady, dass Kurden die Nachfahren der Meder sind und die Wurzeln der kurdischen Sprache in der medischen Kultur gesucht werden sollte.

Es gibt natürlich auch andere Forscher die eine andere Ansicht teilen. Prof. N. Marr meinte z.B. dass kurdische Sprache  eine kaukasische Sprache ist.

In den Zeiten der Sassaniden war die Beziehung der Pahlavi und Kurdisch ähnlich wie jetzige
Italienisch und Französisch. Die alte kurdische Sprache hat die Verwandtschaft zur Pahlavani

500-1000 nach Christus in den Gorani-, Zazaki-, Awramani-Dialekten weiterhin bewahrt.
                               Kurdische Dialekte
Mehrdad Izady teilt die kurdische Sprache in 2 Gruppen auf:

l) Kurmanci Gruppe: Diese Gruppe hat 2 Hauptteile namens Bahdinani (oder Nord Kurmanci) und Sorani (oder Süd Kurmanci).

ll) Pahlawani Gruppe: Diese Gruppe hat auch 2 Hauptteile namens Dimili (oder Zazaki, Kırmancki) und Gorani.

Beide Gruppen haben sich 200 nach Christus von Proto-Kurdisch getrennt und zwei parallele Wege genommen.

Peter Lerch schrieb in seinem Buch „Forschungen über die Kurden und die iranischen Nordchäldaer, Petersburg, 1857-1958“, dass die kurdische Sprache aus fünf Dialekten besteht und nannte sie als Zaza, Kurmancî, Kelhurî, Gûranî und Lurî.

Kurdische Sprache könnte man unter fünf Gruppen zusammenfassen.

 1)  Kurmanci (Kurmandji)
 2)  Sorani
 3)  Dımıli ( Zazaki, Kırmancki, Kırdki)

 4)  Gorani (Hewrami)

 5)  Luri

Kurmanci :


Dieser Dialekt wird im türkischen, syrischen, irakischen, iranischen Kurdistan, in Armenien, Khorasan (Nordost-Iran), Libanon und in einigen alten Sowjet-Staaten gesprochen.
Kurmanci wird  hauptsächlich auf dem Territorium der Türkischen Republik gesprochen, wo seit über sechzig Jahren eine legale Verbreitung und Pflege oder gar ein Studium der kurdischen Sprache staatlicherseits unmöglich gemacht wird. Nicht nur ist dadurch eine mögliche Annäherung der vielen Mundarten – etwa durch den Einfluss über Radio und Zeitungen verbreiteten hochkurdischen Schriftsprache – unterblieben, schlimmer noch: Die radikalen Umbrüche der neueren Gesellschaftsentwicklung gingen fast spurlos an den nordkurdischen Dialekten vorüber, was dazu führte, dass sie weder von ihrer lexikalischen noch der strukturellen Spannweite her die sozi-politischen Realitäten des modernen gesellschaftlichen Lebens angemessen ausdrücken können. Ab 15. Jh. findet man  geschriebene Literaturstücke in diesem Dialekt. Einige ganz wichtige Werke von diesen sind z.B. Elîyê Herîrî (1425-1495), Feqîyê Teyran (1590-1660), Melayê Cizîrî (1570-1640) und Ehmedê Xanî (1650-1707).

Sorani:

Diesen Dialekt nennt man auch Kırmancî Xwarû und wird von vielen Kurden aus Iran und Irak gesprochen. Es gibt sehr viele Schriftstücke in diesem Dialekt. Sorani ist durch markante Unterschiede von Kurmanci und Dımıli getrennt. Das zeigt sich vor allem im Wegfall von Kasus und Genus bei Substantiven und Pronomina im Sorani-Dialekt, Formen, die sich in Kurmanci  und Dımıli erhalten haben. Man unterscheidet dort weiterhin zwischen Femininum und Maskulinum und verzichtet auf die im Sorani geläufigen Pronominal- Suffixe, wie auch auf eine gesonderte Passivkonjugation der Verben. Dafür existiert im Kurmanci zumindest eine Futurform, eine Zeitstufe, die im Sorani vollständig fehlt.

Dımıli:
Dieser Dialekt wird in türkischem Kurdistan in den Städten wie Dersim, Çewlig (Bingöl), Xarpêt (Elazig), Diyarbekir, Ezırgan (Erzincan), Sêwreg (Siverek), Gimgim (Varto), Sêvaz (Qoçgiri),  Hinis, Motki gesprochen. Im Dersim-Gebiet nennen diese Kurden den gesprochenen Dialekt als Kırmancki, in Siverek als Dımıli, in den übrigen Gebieten wie  Gimgim(Varto) und Çewlig als Zazaki. Der berühmte Turkologe Ziya Gökalp, der selbst ein Zaza-Kurde war, schrieb in seinem Buch:
„Diese (Zazas) nennen sich als „Kirt“. Sie nennen kurmanci sprechende Kurden als kürdasi oder kırdasi. Die Türken haben den Namen ‘Kurde’ für Gurmançs (kurmanc) benutzt. Wenn man sagen will ‘ist dieser Mann Kurde oder Zaza’ meint man mit Kurde die Gurmançs (kurmanc). Den Namen Zaza haben den Dımılis wiederum die Türken gegeben. Das Wort Zaza wird weder von Zazaki-Sprecher noch von Gurmanç-Sprecher benutzt.” (1910 Kürt Aşiretleri hakkında Sosyolojik Tetkikler, Ziya Gökalp)
In diesem Dialekt trifft man sehr oft die Aussprache von „z“ was im Deutschen  „s“ in „Sonne” entspricht. Daher wurden diese Kurden auch als Stotterer verspotttet und vermutlich auch von Türken als Zaza genannt. Das älteste literarische Werk ist die religiöse Schrift (Mewlýd) aus dem Jahr 1898 von Ehmedê Xasi. Dieses Werk wurde 1899 mit dem arabischen, 1984 mit dem lateinischen Alphabet verfasst. Ein weiteres Schriftwerk ist Biyîşê Pêxemberî (Mewlûda Nebî) aus dem Jahr 1903 von Usman Efendîyo Babıj. Dieses Buch wurde 1933 in Damaskus mit dem arabischen Alphabet veröffentlicht.

Gorani:


Dieser Dialekt wird manchmal auch Hewrami genannt und steht zu Zazaki (Dımıli) sehr nah. Der Gorani-Dialekt wird im Provinz Kermanschah und in den Hewraman Gebirgen von einer kleinen Gruppe gesprochen. In diesem Dialekt gibt es die ältesten literarische Schriftstücke der Kurdischen Sprache. Viele Sprecher dieses Dialektes gehören  zu der religiösen Gruppierung Ehl-e Hakk. Es gibt  sehr viele religiöse Schriftstücke die in diesem Dialekt geschrieben sind. Gorani  wurde bis zum 19. Jh. von vielen Kurden in Iran und Irak benutzt aber später mehr und mehr vom Sorani-Dialekt verdrängt. Vermutlich wurde Sorani durch die sunnitischen Einflüsse wichtiger und dadurch wurde dieser Dialekt auch stärker. Man kann es heute auch ganz klar sehen, dass Gorani-Dialekt überwiegend von Ehl-e Hakk Kurden gesprochen  wird.

Die wichtigsten Schriftwerke sind:

874-Seitige Shîrîn u Xusrew aus dem Jahr 1975 von Xanay Qûbadi (gelebt 1700-1759). Veröffentlicht wurde es in Bagdad.

789-Seitiger Diwan im 19. Jh. vom Dichter Feqe Qadiri Hemewend.

Der Koran in Gorani im 19.Jh. von Haci Nuri Eli Ilahi (Nuri Eli Shah).

Luri (klein):
Zu dieser Gruppe gehören Kermanshahi, Lürri, Laki, Fayli, Kelhuri und Xaneqînî Mundarten.

Die Einordnung der sogenannten Gross-Luri zur kurdischen Sprache ist bestritten aber die oben aufgezählten Mundarten werden eindeutig zur kurdischen Sprache eingeordnet. Die Sprecher dieser Mundarten sind Schiiten daher wurden sie sehr oft von Persern wegen der gemeinsamen Religionszugehörigkeit ausgenutzt und beeinflusst.

1596 schrieb Serefhan, Fürst von Bitlis in seinem Geschichtswerk "Serefname" (Pracht der kurdischen Nation):

„Kurden werden kulturell und sprachlich in vier Gruppen aufgeteilt: Kurmanc, Lur, Kelhur und Goran.“

Firat Sevim

Dienstag, 21. Juni 2011

Die kurdische Kunstliteratur

Die ältesten kurdischen Texte, sind, wie wir erwähnt haben, nachdem der Islam die herrschende Religion der Kurden geworden ist, verschwunden, während die Araber iihre kleine Zahl vorislamischer Gedichte gut bewahrt haben, und während die Geschichtenerzählerund Sänger in Kurdistan ihre Texte in der jeweiligen volksstümlichen Mundart des Dialektes vortrugen, denn ihre Sagen, Legenden oder Lieder kamen fast ausschließlich aus dem Volk, verfaßten die kurdischen Schriftsteller und Gelehrten ihre zuumeist in anderen Sprachen.


Fast alle kurdischen Schriftsteller und Dichter haben auch Werke in anderen Sprachen geschrieben, und manche haben keine Werke in Kurdisch hinterlassen.

Das “Cheref-Name” von Cheref-Khan, die bekannteste Chronik in der Geschichtsschreibung der Kurden ist in Persischer Sprache verfasst wurden.

Der größte Dichter Arabiens Ahmad Schauqi ist ein Kurde, der keine Texte in seiner Muttersprache hinterließ. In der modernen Zeiten gibt es auch viele bekannte Kurden, die ihre Werke in anderen Sprachen geschrieben haben. Wie Yasar Kemal, der sich einen großen Namen in der türkischen Literatur gemacht hat, und der syrische Kurde Dr. Bohti, einer der größten Islamkenner und Religionsschriftsteller der islamischen Welt. So findet man auch Dichter und Schriftsteller in Irak und Persien, die ihre Muttersprache zu Seite geschoben und in Sprachen der Kurdenunterdrücker nach Namen und Titeln gesucht haben.

Aber trotzdem hat Kurdistan viele große Dichter und Schriftsteller hervorgebracht.

Sadeq Bahadin Amedi hat in seinem Buch “Hozanvanêt Kurd - Kurdische Dichter” über 18 ausgewählte klassische Dichter Kurdistans auf mehr als 600 Seiten geschrieben.

Das Fürstentum Bothan wurde Anfang des 14. Jahrhundert gegründet und bildete als Literartursprache das Djasiri heraus, in dem neben Ahmade Khani um 1600 vor allem die Lyriker Mala i Djasiri, Ali Hariri und Fake Tayran ihre Werke verfaßten.

Ahmade Khani(1651- 1706), der “Mam und Sin - Mem û Zîn” als ein Gedicht für alle Zeiten hinterließ hat, hat in vielen Bereichen der Literatur und Philosophie bekannte Werke geschrieben. Außer “Mam und Sin” verfasste er auch in Gedichtsform das Arabisch-Kurdische Wörterbuch "Nûbihar- Der neue Frühling", und schrieb in Prosa “Di beyana erkanê Islam de - Ein Abklärung der Grundsätze des Islams” in kurdischer Sprache.

Wenn ein Dichter in seinen Schriften mit seinem Voolk verbunden ist, so müssen wir ohne weiteres drei große Dichter des Ostens nennen und vergleichen. Einer ist der Iraner Firdausi, der zweite der Georgier Rustaveli und der dritte ist Ahmadi Khani, der Kurde.

Über “Mam und Sin”, das von Dr. Jamal Nebez in Deutsch übersetzt wurde und in vielen Sprachen, wie Arabisch, Türkisch, Persisch, Russisch und Armenisch zu erhalten ist, schreibt Kurdoev aus der Sowejunion:
“Meiner Meinung nach ist Khani’s "Mem û Zîn" noch wertvoller als die Schriften Firdausis und Rustavelis, da Khani auch das Elend, die Armut und das Schicksal des kurdischen Volkes beschreibt, die Idee des kurdischen Patriotismus verbreitet und die Kurden zum Widerstand gegen die Fremdherrschaft aufrief.”

Zu den bekanntesten Dichtern dieser Zeit gehören neben Ahmade Khani Mala-i Djaziri und Faq e Tayran. Über Mala-i Djaziri kann man sagen, daß er einer der Hauptfiguren der kurdischen Lyrik ist. Seine Gedichte haben bis heute großen Einfluß auf die literarischen Werke der kurdischen Dichter. Er ist in Bohtan geboren und gestorben.

Faqe Tayran aus Maks, geb. 1302, hat auch einem großen und beliebten Namen in der kurdischen literarischen Geschichte. Er hat “Schekhe Sinani”, “Bersisa Geschichten”, “Das Schwarze Pferd” und viele andere Gedichte auf dem Hintergrund des “Tassauf”, der Lehre der islamischen Mystiker (Sufis) geschrieben. Daneben hat er auch ein Buch mit dem Titel “M.H.” über die Einheit des Universmus geschrieben.

Außer diesen Dichtern findet man viele andere Namen, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert ihre Werke in kurdischer Sprache hinterließen, so wie Ismail aus Bayzid (1654-1709), der romantische Dichter, der ein Wörterbuch in Kurdisch-Persisch und Arabisch unter dem Namen “Kamzar” geschrieben hat, Scherif Khan aus Hakkari (1689-1748), Ali Tarmuki, geb. 1009, der Mala-i Yunus Hilkatini, von dem Handschriften über die arabische Sprache stammen, Almas Khan, der in 18.Jahrhundert sein “Nadir-Name” geschrieben hat, Mala-i Rahim e Malawi (1806-1882), Scheich Riza Talabani (1836-1910), der die Aghas seiner Zeit mit seinen scharfen und witzigen Gedichten sehr geärgert hat. Und viele andere, von denen man nur wenig weiß.

Nicht nur in Nord-Kurdistan war das literarische Leben der Kurden so blühend. Auch in Süd-Kurdistan gründeten seit Ende des 15. Jahrhunderts die Baban-Fürsten die Stadt Suleymania, die bis heute eine der wichtigsten kurdischen Städte ist, in denen die kurdische Literartur am Leben erhalten worden ist.

Die enstehende Literartur wurde in einer Sprache geschrieben, die als Slemani bezeichnet wird. Deren nahmhafteste Autoren - die Lyriker Nali, Salim und Kurdi lebten zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Schließlich entwickelte sich als eine der ältesten kurdischen Literarursprachen, das Hawrami, bereits im 14. Jahrhundert im Fürstentum Ardalan, wo der Gelehrte und Schriststeller Mala Paresan lebte.

Im 19. Jahrhundert und bis heute entwickelt sich die kurdische Sprache und Literartur trotz allen Arten von Unterdrückung und zwar mit patriotischen, realistischen und fortschrittlischen Ansichten.

Die kurdischen Dichter und Schriftsteller
seit dem Ende des 19. Jahrhundert

Hadji Kadir Koyi (1817-97) hat sich gegen Fremdherrschaft, Aghas und Mullas gewandt und zum bewaffneten Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit Kurdistans aufgerufen. Er schrieb:
“Bewegt Euch wie die Bienen, beratet Euch leise, schafft Kriegsmaterial an, Kanonen, Gewehre und Mörser. Fürbitte und Zuversicht nutzen im heutigen Zeitalter nichts, der Pfeil ist das gesegnete Kettenhemd, der Speer ist der Schutz auf dem Schlachtfeld.”

Der 1. Weltkrieg mit all seine Grausamkeiten und mit dem Beginn umfassender Verfolgung der Kurden hat die kurdischen Schriftsteller und Dichter stark beeinflußt. Arif Saib (1889-1923) hat über die “Vorgänge des Krieges” geschrieben, während Mala Hamdun (1850-1918) “ Die Gendarmen laufen wie hungrige Sperber herum nach den Leichen des Volkes unter dem trügerischen Vorwand des heiligen Krieges” verfaßte. Ahmed Hamdi (1878-1936), der sehr von der antibritischen Erhebung des Scheich Mahmuds von 1919 bis 1930 beeinflußt war, hat in seinen Gedichten den Freiheitskampf seines Volkes beschrieben. In Nordkurdistan hat der Dichter und Islamist Mala Abdessalam Djeziri (Nadji), dessen Bücher die Türken verbrannt haben und der 1931 in Westkurdistan verstarb, einen bekannten Aufruf zur nationalen revolutionären Erhebung und Verteidigung des Landes gegenüber der türkischen Invasion unter dem Titel “Bangê Hi_yarkirinê”(Aufruf zur Erweckung) verfaßt. Neben diesen Dichtern sind auch Schukri Fazili (1870-1926), Scheikh Riza Talabani (1836-1910), der Schriftsteller Ahmed Mukhtar Djaf (1898-1935) und der revolutionäre Dichter Piremerd, der neben Rahim e Hekkari und vielen anderen an der Arbeit für die Zeitschrift “Jîn” teilgenommen hatte, zu erwähnen. Nach den Massakern von 1925, die der türkische Staat unter Führung Atatürks an den Kurden verübt hatte, ist der Patriotismus unter den kurdischen Intellektuellen zum vorherrschenden Motiv der Literatur geworden. Die Dichter und Schriftsteller Kurdistans haben das Leben der Werktätigen, Bauern und Kämpfer, die sich für den Befreiungskampf eingesetzt haben, beschrieben. Sie schilderten die gesellschaftliche Situation der Armen, die Unterdrückung durch die Agahs, die Unmenschlichkeit und vor allem die Brutalität der fremden Herrscher in Kurdistan. So schreibt z.B. ein Dichter über den Widerstand in Hizan in Nordkurdistan:

“Ich ging nach Bitlis, das in der Ebene liegt. Sie haben die Galgen errichtet.
Das ölige Seil pendelte.
Scheich Schabadinn, Said Ali, Mahmad Schabadin fiel auf den Boden,
Aber die Herzen der Feinde sind aus Stein.
Sie haben den Scheich noch einmal aufgehängt.”

Die kurdischen Autoren, die die Brutalität der türkischen Armee in Kurdistan mit ihren Augen gesehen und erlebt haben, haben sich nach dem 1.Weltkrieg zu einer wirksamen Waffe des nationalen Widerstand und revolutionären Romantik entwickelt.

In den 20er Jahren wurde neben Poesie auch Prosastücke und vor allem Novellen geschrieben. In der Poesie und Prosa herrschten zuerst romantische Tendenzen. Später traten revolutionäre Romantik und kritischer Realismus hervor.

Es muß unbedingt erwähnt werden, daß Goran (1904-1962), Cîgerxwîn (1903-1984), Faik Bekes (1905-1948) sowie Abdurrahman Hajar (geb.1920) und Hemen (1920-1986) für immer ihre Spuren in der Geschichte der kurdischen Literatur hinterlassen habe.

Cîgerxwîn, der früher ein Mulla war, hat unter dem Einfluß der Entwicklung des kurdischen Patriotismus und der sozialistischen Tendenzen die Moschee für immer verlassen und zusammen mit vielen Bauern seiner Gegend in Nordkurdistan zwei Dörfer zu sozialistischer Grundlage gegründet. Die geringen Erfahrungen und die starke Feindschaft der Aghas sowie die dem Sozialismus teilweise entgegenstehenden Interessen der Bauern brachten dieses Projekt zum Scheitern.

Dennoch wurde der Sozialismus zur Grundlage des gesamten Werkes von Cîgerxwîn. Sein erster Gedichtsband ist 1945 in Damaskus erschienen und 1977 in der BRD. Sein zweiter Gedichtsband erschien 1954 in Damaskus unter dem Namen “Sewra Azadî” (Freiheitsrevolution). In der Folgezeit erschienen noch vier weitere Bände neben einem Wörterbuch, einer Studie über die Geschichte Kurdistans und anderen werken wie z.B. seinem Roman “Resoyê Darê” (Rascho aus Dare), in dem er zum sozialistischen “Jihad” gegen die Aghas aufruft. Cîgerxwîn ist ein Dichter, der in Kurdistan sehr bekannt ist, und die Mullah, die Cîgerxwîn sein ganzes Leben ideologisch bekämpft hat, haben viele seiner Gedichte auswendig gelernt und weitergegeben, weil keiner wie er den Willen des kurdischen Volkes und die Realitäten der unteren Schichten in Kurdistan dargestellt hat. Viele Mullas waren mit ihm befreundet, sie haben mit ihm jahrelang mit gegenseitigem Respekt diskutiert und als Cîgerxwîn seine Heimat verlassen hat, um in Schweden weiter zu leben, haben sie ihn vermißt.

Als Verfasser ausdrucksvoller Gedichte tritt Abdullah Goran in erster Linie hervor. Er gilt als Begründer einer eigenen Schule in der kurdischen Dichtkunst. Keiner hat so schön und wirkungsvoll wie Goran Kurdistan beschrieben. Goran begann seine literarische Karriere als Romantiker und entwickelte sich nach dem zweiten Weltkrieg zum Realisten. Neben schönen Gedichten lybischen Inhalts verfaßte er zahlreiche Kampfeslieder, kurze sozialkritische und satirische Theaterstücke. Seine Kampflieder werden von den Kurden mit Begeisterung gesungen.

Faik Bekes, der eine führende Rolle im Kampf gegen die probritische Monarchie im Irak spielte und sein berühmtes Gedicht “Ay Watan” (Oh Heimat!) vom Gefängnis aus an sein Volk richtete, ist bis heute einer der größten Dichter Kurdistans geblieben. Sein Sohn Scherko Bekes, der selbst als Peschmerga (Freiheitskämpfer) gekämpft hat, ist heute im Ausland wie in Kurdistan als großer kurdischer Dichter bekannt.

Hemen Mukriyani, der auch drei Bände mit Gedichten, Novellen und Übersetzungen von Werken Mark Twains und Oskar Manns veröffentlicht hat, ist nicht weniger bekannt als Bekes und andere.
Es gibt in diesem Jahrhundert eine Reihe von weiteren bekannten kurdischen Schriftstellern, die am politischen und kulturellen Leben ihres Volkes teilnahmen und die in verschiedenen Bereichen Werke hinterlassen haben. Zu ihnen gehören Ibrahim Ahmed, Prinz Djeladet Bedirkhan, Dr. Kamran Bedirkhan, Nami, Osman Sabrî (Apo), Qadridjan, Hesen Hisyar, Musa Anter, Dr. Nureddin Zaza, Dr. Chérif Vanly, Alladin Sedjadi, Dr. Maaruf Khaznadar, Abderrahman Mzuri, Dr. Bedirkhan Sindi, Sabri Botani, M.E. Bozarslan, Dr. Jamal Nebez, Dr. Husein Hebesch und die beiden bekanntesten Literaturforscher und Kritiker Sadeq Bahadin Amêdî und Dr. Izzidîn Mustafa Rasul, um nur eine kleine Auswahl zu treffen.

Zu den kurdischen Schriftstellern und Dichtern aus der UdSSR gehören A. Mirazi, Hadji Djindi, Amin Evdal, K. Murad, Mikaile Rashid, Djalile Djalil, Ordikhan Djalil, Prof. Qanate Kurdo und Arab Schamo. Schamos Roman “Sivan ê kurd”(Der kurdische Hirt) wurde zunächst 1935 auf Russisch und später auch auf Deutsch übersetzt. Er hat 1958 in Erevan auch “Berbang” (Die Dämmerung) und 1959 “Die Kurden aus Alagaz” veröffentlicht.

Schamo beschreibt in seinen Werken das tägliche Leben der kurdischen Bauern, den Aufbau und die Struktur des kurdischen Volkes, seinen Kampf gegen die Ausbeutung, insbesondere gegen die Großgrundbesitzer und für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft.

Die meisten kurdischen Schriftsteller sind wegen der Unterdrückung und Verfolgung in ihrer Heimat ins Exil gegangen. Von diesen leben heute viele in Westeuropa. Darunter befindet sich eine Reihe von Dichtern, K ünstlern und Verfassern von Kurzgeschichten.

Samstag, 18. Juni 2011

Pîremêrd

Pîremêrd (* 1867 bei Silemani; † 15. Juni 1950 ebenda; vollständiger Name Tawfeq Mahmoud Hamza) war ein kurdischer Dichter und Schriftsteller.
Pîremêrd studierte arabisch und das muslimische Recht Fiqh in Silemani und Baneh, das im Iran liegt. Von 1882 bis 1895 arbeitete er in den Behörden verschiedener Städte wie Silemani, Halabdscha und Scharbazher (Şarbajêr). 1898 ging er nach persönlicher Einladung des osmanischen Sultans Abdülhamid II. nach Istanbul. Er erhielt den Titel eines Beys. Nach einem Jahr Aufenthalt in Istanbul pilgerte er nach Mekka. Als Pilger erlangte er zusätzlich den Titel eines Haddschi, so dass er von fortan Hadschi Twafeq Bey genannt wurde. Auf seiner Pilgerfahrt lernte er den kurdischen Poeten Wefayi kennen. 1899 wurde Pîremêrd Mitglied des osmanischen Parlamentes und Mitglied der juristischen Schule in Istanbul.

1907 wurde er Mitglied in der kurdischen Organisation Komela Kurd. Zwischen 1909 und 1923 war er Kaymakam (Landrat) verschiedener Distrikte wie Hakkari, Qeremursil, Balawa, Beytüşşebap in Şırnak, Gümüşköy, Adapazarı in Sakarya und Amasya.

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er 1925 über Bagdad nach Silemani zurück. 1926 wurde er zum Herausgeber der kurdischen Zeitung Jîyan (Leben) und 1932 ihr Leiter. 1938 benannte er die Zeitung in Jîn um und publizierte sie bis 1950. Daneben war er einer der Gründer der ersten kurdischen Privatschule im heutigen Nordirak, der sogenannten „Qutabxaney Zanistî“ („Wissenschaftliche Schule“).
Werke 
Übersetzung des Mawlawi Kurd aus dem Hawramani ins Sorani, 1935.
Die Tragödie von Mem u Zin, 1935 (Nicht zu verwechseln mit dem Werk von Ehmedê Xanî)
Die Geschichte des Mahmud Aga Schiwakal, 1942
Galte û Gep, eine Sammlung kurdischer Folklore, 1947
Kemançejen, eine Novelle und aus dem türkischen übersetzt
Herausgabe der Gedichte des Mawlana Khalid Nakschbandi
Herausgabe und Übersetzung der Gedichte des Besarani aus dem Hawramani ins Sorani
Artikel über kurdische Geschichte und insbesondere über die Baban-Dynastie und dem Jaf-Stamm
Encamî Pîyawî Bengkêş (Das Schicksal eines Süchtigen), Kurzgeschichte aus dem Gelawêj Journal, 1941.
Zoremilî Milşikanî le dûwaye (Aggression führt zur Niederlage) aus dem Gelawêj Journal, 1942.
Felsefey Kiçe Kurdêk (Die Philosophie eines kurdischen Mädchens), Kurzgeschichte aus dem Gelawêj Journal, 1942.
Xiramî, Kay kon, Kurzgeschichte aus der Jîyan Zeitung Nr.483, 1936.

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